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Suture - An den Säumen der Identität

Lacan bezeichnet mit Suture eine Pseudo-Identifikation, eine nur täuschende, eine erlogene, eine scheinhafte Identifikation. Identifikation ist ein Abwehrmechanismus, zur Abwehr von Fremdheit, ein Schutzmechanismus. Es wird etwas identisch gemacht, wovon man zunächst noch nichts Genaueres weiß. Identifikation hat ihr Vorbild in der Aufnahme von Nahrung, beim Verschlingen, dem Aneignen, dem Zueigenmachen von außerhalb des Körpers Seiendem. Das Fremde wird identifiziert. Es wird ent-fremdet. Oder es wird etwas gesehen als real vorhanden, wo zunächst nichts von Bedeutung ist. Das verweist auf den grundsätzlich halluzinatorischen Zug der Wahrnehmung.
Die von Lacan so genannte Pseudo-Identifikation liegt also zwischen der imaginären des Spiegelstadiums und der symbolischen mit dem Vater oder später mit dem Signifikant.
[...]
Suture wird zunächst als anatomische, botanische, medizinische Metapher im Französischen benutzt. Das zugrundeliegende Bild ist eine nicht ganz feste, zumindest nicht ganz schlüssige Verbindung, die mittels eines Fadens hergestellt wird, der mit einer Nadel geführt wurde. Die Konnotation geht bis zur vom Nähen hinterlassenen Spur, der Naht, und im anatomischen bis zur Narbe. Suture ist räumlich und zeitlich dimensioniert. Das Nähen selber wird mitgedacht und, daß vor dem Nähen etwas aufklaffte, ein Loch da war, zwei getrennte Seiten. Diese werden nicht restlos oder spurlos geschlossen. Mehr noch: Um die Naht, eine Verbindung, herzustellen, werden neue Löcher gestochen, um einen Haltepunkt für die Überbrückung zur anderen Seite mittels eines Fadens zu schaffen, der das Loch zusammenzieht.
Das Subjekt entsteht aus einer Spaltung, dessen Überwindungsversuch das Bewußtsein aufscheinen läßt als Differenz von Vorstellung und aktuellem durch Sprache formulierten Zustand.
Es geht dann um den immer wieder neuen Versuch, beide "Seiten" zu vernähen aus der Not einer Öffnung, eines Loches, eines Fehlens, das sich nicht von selber schließt zur Ganzheit. Es wird etwa durch Bilder zusammengehalten, die bei ihrer Einbindung kleinere Perforationen setzen, über einen Faden von Signifikanten, die ihre Wirkung im Realen tun, nämlich den Körper angreifen, Gefühle entstehen lassen. Der Faden geht durch und durch. Das Subjekt wird von den Signifikanten gekreuzt und so in Existenz gesetzt.


- aus: Karl-Joseph Pazzini: Suture - Bilder in den Medien als Nähmaschinen. In: RISS. Zeitschrift für Psychoanalyse. 39/40 September/ Oktober 1997. S. 198f.

Milde Gaben - Quod me nutrit, me destruit

Weihnachtszeit, Zeit der Geschenke ...
Ein paar Überlegungen zum Schenken/Geben und dessen Tücken, wobei es mir nicht um scheußliche Fehlgriffe geht, die direkt in die Mottenkiste wandern, sondern ganz allgemein um die Frage, auf welche Weise bestimmte Persönlichkeitstypen das Schenken für sich und ihre Zwecke instrumentalisieren.

Es gibt Leute, die aus purer Egozentrik schenken. Nicht aus Freude oder echtem Interesse am anderen, sondern aus Eitelkeit.
Entweder um als Person mit besonders herausragender und aufwändiger, gerne auch kostenintensiver Geschenkidee im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen zu können.
Oder aber um sich bereits im Vorfeld gegen potentielle Kritik des Beschenkten zu wappnen, die er irgendwann einmal vorbringen könnte. Man macht sich ihn gefügig, bindet ihn an sich, indem man ihm durch permanentes Geben zu verstehen gibt, alles sei eitel Sonnenschein. Und solange alles in Hülle und Fülle vorhanden ist, verbietet sich Beschwerde schließlich von selbst. So die Taktik.
Geschenke als strategisches Ass im Ärmel, mit deren Hilfe man jedes noch so berechtigte Aufmucken oder Infragestellen unbescholten abschmettern, sein brüchiges Ego nachhaltig vor jeglicher Kritik schützen kann ... denn als Gebender pachtet man (besonders in christlich-altruistisch geprägten Kulturkreisen wie den unsrigen) moralische Überlegenheit auf Lebenszeit.
Fakt ist: Großzügigkeit kann unterdrückerischer sein als man denkt ...
Umso beleidigter sind solche Leute natürlich, wenn man ihnen trotz reicher Geschenke nicht immer zu Willen ist oder die kleinen, dekorativ verpackten Schuldscheine* gar ablehnt.
Manche Menschen schenken einzig und allein, um Macht über andere zu erlangen ... doch diesen Mechanismus ganz trivial als Bestechung zu bezeichnen, greift meines Erachtens zu kurz und unterschlägt die eigentlichen (individual-)psychologischen Motive.

Deshalb bin ich mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass eine aufrichtige Kultur des Schenkens nur unter Ebenbürtigen praktiziert werden kann. Ebenbürtig nicht im weltlichen, d.h. sozioökonomischen Sinne, sondern unabhängig von Status, Einkommen und sonstigem. Das einzige, worauf es ankommt, ist, dass man seinen eigenen Wert zu erkennen beginnt und es einem somit gar nicht erst zum unausweichlichen Bedürfnis wird, permanent einen hauptsächlich selbstgefälligen Reziprozitäts-Eiertanz aufführen zu müssen.
Manche Geschenk-Empfänger lassen sich hingegen sogar bereitwillig in solche Beziehungsmuster verstricken, gar nicht mal aus materialistisch motivierter Gier ... vielmehr, weil sie auf diese Weise selber teilhaben können an der "Macht" und dem Glanz des Gebenden.

Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen. - Friedrich Nietzsche

Erlangung von (vermeintlicher) Größe durch einen Akt der Selbstverkleinerung oder -auflösung, um dem überlegenen Machtgefüge, an dem man gern Anteil hätte, als mundgerechtes Häppchen zur Verfügung stehen zu können. Das Verschlungen-Werden als letzte Transformations-Chance für Menschen, denen die Fähigkeit zur Verwandlung aus eigenen Kräften versagt blieb.
Einverleibung durch Selbstaufopferung!
**
So paradox es auch klingen mag ...
It's an animal city, it's a cannibal world ...
Ich bin das Fleisch auf dem Gabentisch der Macht ...

Und wer "frisst" hier eigentlich wen?

Was ich nicht will: irgendjemandem die Freude am Schenken verderben. Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass man manchmal vorsichtig sein sollte und darauf achten muss, was mit einer gewissen Art von Schenken eigentlich bezweckt werden soll.
Vorm Geben und Nehmen allgemein wird man sich zeitlebens ohnehin nicht drücken können, denn das hieße eine Enklave werden, die Boykotte und Embargos nach allen Seiten hin verhängt. Aber wenn man schon die Wahl hat, dann möge man doch lieber den nicht- oder weniger destruktiven (Aus-)Tausch-Kollusionen den Vorzug geben ...

Das Wort zum Wochenende. :)

* es muss sich nicht in jedem Fall um Gekauftes oder Objekthaftes handeln; als "Geschenke" können z.B. auch bestimmte Gefühle wie Lob und Bewunderung oder auch das Rechtgeben und Nicht-Widersprechen fungieren.

** Vor diesem Hintergrund wird auch das ambivalente Gefühl nachvollziehbarer, das der Empfänger während des Beschenkt-Werdens empfindet, markiert dieses doch auch immer den Augenblick des Selbstverlustes und stellt infolgedessen eine Demütigung dar. Das Schöne (Beschenkt-Werden) wird auf bizarre Weise mit dem Schrecklichen (demütigender Identitätsverlust) verknüpft. Schizophrenogener Hirnfick deluxe.

Kapitalismuskritik als Ablasshandel

Lesenswert!

Warum der Wandel trotz boomender Kapitalismuskritik auf sich warten lässt

So lässt sich die relative Wirkungslosigkeit der Kapitalismuskritik womöglich auch damit erklären, dass diese Kritik zunehmend als Medium einer sogenannten Interpassivität fungiert. Der vom Philosophen Robert Pfaller geprägte Begriff beschreibt, kurz gesagt, das paradoxe Phänomen, dass der delegierte Genuss dem eigenen vorgezogen wird. Als klassische Beispiele dienen hier der Chor in griechischen Tragödien oder die Lachkonserven in Sitcoms: Die Rezeption wird an das Medium selbst übertragen. Auch die tibetischen Gebetsmühlen oder die gewerbsmäßigen Klageweiber sind Medien solcher Interpassivität.

Als solch ein „Erlediger stellvertretenden Lebens“ ließe sich auch die Kapitalismuskritik dieser Tage begreifen. Sie wirkt weniger als Anstiftung zur Aktion denn vielmehr als Ersatzhandlung. Gerade weil – und nicht trotz dessen – man sich schleunigst Pikettys Buch besorgt, kann man noch eine Shoppingtour bei Amazon dranhängen.




Bild von Pawel Kuczynski

Komfortable Weltlosigkeit

[...] Technik als Kniff, die Welt so einzurichten, dass wir sie nicht erleben müssen. Manie des Technikers, die Schöpfung nutzbar zu machen, weil er sie als Partner nicht aushält, nichts mit ihr anfangen kann; Technik als Kniff, die Welt als Widerstand aus der Welt zu schaffen, beispielsweise durch Tempo zu verdünnen, damit wir sie nicht erleben müssen. Die Weltlosigkeit des Technikers, der das Leben nicht als Gestalt behandelt, sondern als bloße Addition; daher kein Verhältnis zur Zeit, weil kein Verhältnis zum Tod. Leben sei aber Gestalt in der Zeit.

- aus: Max Frisch: Homo Faber. Frankfurt am Main 1997. S. 184.


Was mich gerade sehr stark an den Kontraktions-Gedanken bei Marcuse erinnert ... und außerdem auch an die Ausführungen Bergsons, demzufolge erlebte Zeit als Spanne eine wichtige Basis für Freiheit darstellt ...

Was übrigens kein Argument gegen die Segnungen moderner Technologie sein soll. Es ist schön, dass ich via Zug binnen einer Stunde in Frankfurt sein kann, es ist wunderbar, Zeit einsparen, Zeit hinzugewinnen zu können und auf diese Weise die Möglichkeit zu erhalten, den so entstandenen Frei-Zeitraum mit den Intensitäten der jeweils eigenen Wahl ausfüllen zu können. Es ist schön, dass das Unausweichlich-Anstrengende zugunsten des Schön-Anstrengenden reduziert werden kann.
Was aber ebenfalls zu beobachten ist: dass oftmals Zeit gespart wird, nur um noch mehr Raum für weitere Zeiteinsparung und Seichtigkeit zu schaffen, also für das genaue Gegenteil von intensivem Erleben bzw. Schön-Anstrengendem. Ums plakativ zu sagen: Zeit wird eingespart, um sie hinterher vertreiben zu können, sich selbst nicht erleben zu müssen.
Dem liegt die Annahme zu Grunde, dass Anstrengung in jeder Hinsicht etwas zu Vermeidendes ist. Aber das ist sie nicht. Unser ganzer Organismus ist auf Beanspruchung ausgelegt (nicht als Pro-Argument für die Leistungsgesellschaft zu lesen); die Muskeln wollen gespannt, Gefühle gefühlt werden ... erst daraus erwächst wirklich tiefe Freude am eigenen Dasein - durchs Aktivieren und Durchleben seiner Funktionsmöglichkeiten.
Derzeit gibt es allerdings eine starke Tendenz hin zu einer Lebensweise, die auf der Traumvorstellung von anstrengungsloser Freude beruht. So funktioniert das aber nicht ... der Organismus wird es sich an andrer Stelle zurückholen wollen - und schon schlägt den Abschöpfern die Stunde ...
Man setzt zwar einerseits alles daran, zu erlebende Dauer ihrer Dichte zu berauben, ihre "Widerständigkeit" zu verringern, simultan wird aber jeder Schokoriegel, jeder neue Duft, kurz jedes noch so banale Produkt qua Werbe-Sprech zum Inbegriff eines Erlebnisses verdichtet bzw. hochstilisiert (erlebte Dauer vs. punktuell-hochkonzentriertes Surrogat in Objektform; gedehnte Intensität bzw. Intensität durch Dehnung vs. kontrahierte, passiv aufgenommene Pseudo-Intensität) ... man verkauft uns etwas zurück, das wir auch anders (der Intention angemessener? zielführender?) und günstiger haben könnten ...

Unio Mystica

Dualismus ... ohne sein Vorhandensein kann es so gut wie keine gute Literatur geben. Ist er aber vorhanden, kann es ganz gewiss kein "gutes Leben" geben.
"Ich" setzt ein getrenntes und unveränderliches Mich voraus, "bin" leugnet die Tatsache, dass alle Existenz Beziehung und Wandel ist. "Ich bin." Zwei winzige Wörter; doch welch ungeheuerliche Unwahrheit!
Der frommgläubige Dualist ruft hausgemachte Geister aus der Tiefe seines Innern herauf: Der Nicht-Dualist ruft die Tiefe in das Innere seiner Seele oder, genauer gesagt, er findet diese dort bereits vor.


- aus: Aldous Huxley: Eiland. München 2001. S.211. -